WAS IST EIN PLATZ?

 

Der Begriff Platz geht auf den lateinischen Terminus 'platea' zurück, mit dem ursprünglich eine breite Straße zwischen Häuserreihen bezeichnet wurde. Ein Stadtplatz zeichnet sich laut Definition des römischen Architekturtheoretikers Vitruv durch eine bestimmte Gestaltung und Nutzung aus:

 

„Seine Länge soll sich zur Breite verhalten wie drei zu zwei. Folgende öffentliche Gebäude sollten am Stadtplatz stehen: Eine Halle für das Gericht, die Börse und den Markt, welche bei ungünstiger Witterung die Funktion des Platzes übernimmt. Außerdem: das Schatzhaus, das Gefängnis, das Rathaus, der Tempel des Stradtpatrones. Ferner Denkmäler von verdienten Mitbürgern.“ 

Zitiert nach Heinz Coubier, Europäische Stadt-Plätze, Genius und Geschichte, Köln 1985

Aufbauend auf Vitruv entwickelte der Architekt Leon Battista Alberti 1443-52 in seinem Werk 'De re aedificatoria' (Über das Bauwesen) auch eine Theorie der Stadt; diese ist demnach wie ein großes Haus und das Haus eine kleine Stadt. Freiräume bedürfen nach Alberti einer Steigerung durch sakrale oder kommunale Bauten. Er forderte eine gewisse Regelmäßigkeit der Anlage sowie eine mittels Arkaden sich zum Außenraum öffnende Bebauung. Als Schmuck und bildsprachliche Elemente sollten Standbilder aufgestellt werden. Vor allem solchen nun mitten auf die Plätze positionierten Monumenten wurde bei der Anlage der Sixtinischen Straßen in Rom (1580-1595) eine geradezu theatralische Rolle zugewiesen: Antike Fundstücke, vor allem Obelisken dienten als Blickpunkte für ein durch die Stadt gezogenes Achsensystem. 

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'Gewachsener' und im 18. Jahrhundert von Grund auf neu geplanter Platz: Piazza del Nettuno in Bologna und Gendarmenmarkt in Berlin

Die Weiterentwicklung dieses am Reißbrett entworfenen Gefüges aus Straße, Platz und Monument bestimmte schließlich die Planungen des Barocks zum Beispiel in Berlin und des 19. Jahrhunderts bis hin zu Georges-Eugène Haussmanns Umbau von Paris (ab 1853).

... und hier mehr über Georges-Eugène Haussmann und Paris

Die genannten, stark reglementierten Raumfolgen unterschieden sich ganz bewusst von mittelalterlichen, unregelmäßigen Plätzen, die oft in langen Prozessen entstanden waren. Deren gestalterische Eigenarten wurden erst seit der Zeit um 1900 im Zuge morphologischer Analysen als malerisch „entdeckt“. Grundlegend ist in dieser Hinsicht Camillo Sittes Studie über den Städtebau (publiziert erstmals 1889). Sitte untersuchte verschiedene, vor allem mittelalterliche Platzanlagen, die er als vorbildlich für künftige Stadtplanung einordnete.  In der Unregelmäßigkeit dieser Räume sowie im Freihalten der Mitte wollte Sitte einen besonderen Reiz erkennen. In jedem Falle aber sollte ein Platz ein 'Sonntagskleid' tragen.

Camillo Sitte, wer soll das schon wieder sein?

Scaenographia im Theater und im Guckkasten: Bühne des Teatro Olimpico in Vicenza und Guckkastenblatt vom Augsburger Eiermarkt (Georg Balthasar Probst)

Auf dem Hintergrund der genannten, recht unterschiedlichen Vorstellungen ist ein Platz in gestalterischer Hinsicht ein umbauter Freiraum mit einer Rhythmisierung, zum Beispiel durch Denkmäler. Er wird – quasi als Negativform des Hauses – von der Topografie, der Platzfläche (Grundriss bei Vitruv ichonographia), der Platzwand (Aufriss, bei Vitruv orthographia) und dem Platzraum (Perspektive bei Vitruv scaenographia) bestimmt. Er kann regelmäßig oder unregelmäßig angelegt sein, an Achsen, Gabelungen, Kreuzungen oder Kurven liegen oder mit benachbarten Plätzen und Straßen eine Gruppe bilden. 

 

Dabei bestimmen unterschiedliche Nutzungen die Form, z.B. als Marktplatz, Schlossplatz, Kirchplatz usw. Vor allem im 19. Jahrhundert erzwangen neuartige Verkehrsmittel schließlich eine andere Gestaltung der Platzfläche. Es galt Erfordernisse der Gesundheit und des Verkehrs zu berücksichtigen. Joseph Stübben fügte als drittes Kriterium die Schönheit hinzu und erweiterte das Spektrum an Typen. Neben Marktplätzen und architektonischen Plätzen nennt er insbesondere Verkehrs- und antipodisch dazu Ruheplätze (Squares). Sie alle sollten Lichtungen  im Stadtgefüge darstellen. Neuartig war auch der Umgang mit den alten Grenzen der Stadt, den Stadtmauern, -gräben und -wällen. Johann Andreas Romberg empfahl, Plätze insbesondere anstelle der (abgebrochenen) Tore anzulegen, um einen Übergang der alten in die neu zu errichtenden Quartiere zu erzeugen. Als vorbildlich galt die Ringstraße auf dem ehemaligen Glacis in Wien.

 

Im 20. Jahrhundert veränderten neuartige Vorstellungen zur Stadt etwa im Rahmen der Congrès Internationaux d`Architecture Moderne (CIAM) die Platzgestaltungen. Mit der Auflösung von Raumkanten und der 'autogerechten' Verkehrsführung verloren Straßen und  Plätze sowohl in den architektonischen Leitbildern wie auch in der realen Umsetzung ihre Geschlossenheit.

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Inhaltlich Verantwortlich: Dr. Gregor Nagler, Barfüßerstraße 8, 86150 Augsburg

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