DIE STADTBIBLIOTHEK IM ANNAHOF

Während der Reformation kam es 1537 in Augsburg zu einem 'Bildersturm'. Zahlreiche Kunstwerke in den Kirchen Augsburgs wurden zerstört, Klöster wurden aufgelöst und mussten bis 1548 verlassen werden. Da die Klosterbibliotheken wertvolle Bücher bargen, beauftragte die Stadtregierung Sixt Birck, den Rektor des Gymnasiums bei St. Anna, die wichtigsten dieser Bücher zu retten und eine städtische Sammlung anzulegen. Unangetastet hiervon blieben die Bibliotheken des  Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra und des Domkapitels. Das Amt des Schuldirektors von St. Anna war seitdem mit dem des städtischen Bibliothekars verbunden. 

Somit war eine Bibliothek in öffentlicher Hand entstanden. Dabei allein blieb es jedoch nicht: Schon 1545 erwarb der Magistrat in Venedig 100 griechische Handschriften. Die Augsburger Bibliothek wuchs durch Ankäufe und Stiftungen - etwa aus der Privatbibliothek von Marcus Welser -  zu einer der größten ihrer Zeit heran, die zudem bald katalogisiert wurde: 1575 publizierte der Stadtbibliothekar Hieronymus Wolf einen Katalog der griechischen Handschriften. Sein Nachfolger David Höschel gab den ersten Gesamtkatalog einer deutschen öffentlichen Bibliothek und den zweiten gedruckten Bibliothekskatalog in Europa nach der Universität Leiden (1595) überhaupt heraus. Wurden in Leiden circa 1.500 Titel gezählt, so waren es in Augsburg circa 8.500. 

Hieronymus Wolf (1516 - 1580)

 

Hieronymus Wolf war der  zweite städtische Bibliothekar. Er war Begründer der deutschen Byzantinistik und begeisterter  Astronom. Wolf ist zudem eine der ersten Personen, deren psychische Störungen (Depressionen, Verfolgungswahn) verbrieft sind. 

Marcus Welser (1558 - 1614)

Marcus Welser war ab 1600 Bürgermeister von Augsburg und einer der wichtigsten Humanisten seiner Zeit. Er gründete den Verlag 'Ad insigne pinus' und brachte Schriften zum antiken Augsburg heraus. Er gilt als Initiator des Stadtumbaus um 1600. 

David Höschel (1556 - 1617)

War ein Schüler von Hieronymus Wolf und ab 1581 Leiter der Stadtbibliothek. Als Rektor des Gymnasiums St. Anna prüfte er neue Lehrmethoden. Er studierte vor allem griechische Literatur und wurde von Marcus Welser gefördert. 

Zwischenzeitlich hatte die Büchersammlung auch ein eigenes Gebäude bekommen: 1562-63 ließ die Stadt durch ihren Werkmeister Bernhard Zwitzel einen freistehenden Bibliotheksbau errichten, ein Novum. Dem galerieartigen, dreistöckigen Gebäude setze Zwitzel sieben Zeltdächer auf, die symbolisch für die sieben freien Künste standen. Im Obergeschoss reichte der Büchersaal über das gesamte Stockwerk. Im seitlichen Turm lagen eine Sternwarte und darunter das Haupttreppenhaus. Zum Annagymnasium gab es einen schmalen Verbindungsgang, der heute noch existiert.

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Quelle: Stadtarchiv Augsburg, FS FA A 24668

Während des 30-jährigen Krieg wurde der Ankaufsetat gestrichen, dennoch gab Elias Ehinger 1633 den zweiten Gesamtkatalog heraus. 1650 wurden wieder Mittel für den Kauf von Büchern bewilligt. Seit 1677 mussten Augsburger Drucker je ein Exemplar ihrer neuen Werke an die Stadtbibliothek abgeben. Nachdem der Kupferstecher Georg Christoph Kilian (1709-81) seine Sammlung gestiftet hatte, wuchs auch die Kollektion an Druckgrafiken beständig an. 

Durch Säkularisierung 1802/03 und Mediatisierung 1805/06 wurde kirchlicher und reichsstädtischer Besitz dem bayerischen Königreich einverleibt. Wertvolle Inkunabeln aus den Klöstern aber auch der Stadtbibliothek wurden nach München gebracht. Die Augsburger Bibliothek wurde zur Schwäbischen Provinzial- und Kreisbibliothek (später Staats- und Stadtbibliothek). Wertvolle Bücher aus Schwaben wurden nun in Augsburg konzentriert. Die Bestände wuchsen wieder enorm an. 

Detaillierte Informationen zu den historischen Buchbeständen finden Sie hier.

Zahlreiche historische Bände können auch digital betrachtet werden. 

Das 300-jährige Bibliotheksgebäude erwies sich  bald als zu klein, sodass 1891-93 ein Neubau durch Fritz Steinhäußer und Martin Dülfer errichtet wurde. Schon 1891 hatte das Königreich Bayern den alten Bibliotheksbau verkauft. 1893-94 wurde er abgerissen, danach ein Erweiterungsbau für das Anna-Gymnasium errichtet, der seine Rückfront dem Annahof zuwendet, die Schaufassade aber der kurz zuvor neu angelegten Fuggerstraße. Der Charakter des Hofes änderte sich dadurch stark. 2006 wurde im Zuge der Neugestaltung des Annahofes nach Plänen der Künstlerin Sabine Kammerl ein Gedenkort für die alte Stadtbibliothek angelegt. In ein Podest ist die Aufschrift 'Bibliotheca Publica' aus Milchglas eingelassen, die bei Einbruch der Dunkelheit beleuchtet wird. Die 'Bühne' ist allerdings schmäler und kürzer als der Grundriss der alten Bibliothek. Etwa anstelle des Observatoriumsturms erhebt sich ein Kubus, durch den der Ausgang von der Tiefgarage unter Annahof erfolgt. 

Eine ausführliche Geschichte der Bibliothek finden Sie hier. 

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