AUGSBURGER PLÄTZE – GESTALT UND NUTZUNG

Seit der römischen Antike gab es in Augsburg Plätze, es blieben heute aber nur solche erhalten, die auf das frühe Mittelalter zurückgehen. Auffällig ist das Fehlen eines großen zentralen Marktplatzes, da der Handel auf den Straßen stattfand. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Bezeichnung „Platz“ in Augsburg deshalb unüblich; verwendet wurde sowohl für breite Straßen auch für Plätze in der Regel der Terminus „Markt“.

 

Die Marktstände wurden auf trichterförmigen oder rechteckigen Aufweitungen an Kreuzungen, vor allem je-doch, wie der Heumarkt (Fuggerplatz) an Gabelungen  aufgestellt. Plätze waren räumlich eher schwach definiert, aber zum Teil durch Bauten und Baugruppen markiert. Beispiel hierfür ist der an einer Kreuzung von Straßen liegende Eiermarkt (Rathausplatz) mit den aufragenden Konstanten Perlachturm (10. Jh.) und Rathaus (seit 1260). Hier konzentrierte sich sichtbar die politische Macht, am Rathaus war der Pranger angebracht, das Gebäude wurde von der Stadtgarde bewacht. 

Was ist das, die Stadtgarde? 

GRUNDRISSE MITTELALTERLICHER AUGSBURGER PLÄTZE

Nahezu alle Plätze in der Augsburger Altstadt waren trichter-

förmige Kreuzungsplätze:

1: Alter Heumarkt (heute Fuggerplatz)  |  2: Brotmarkt (heute Maximilianstraße) mit Standort des Tanzhauses | 3: Saumarkt (heute Jakobsplatz) | 4: Saurengreinswinkel | 5: Eiermarkt (Ludwigsplatz, heute Rathausplatz) vor dem Bau der Börse (1828-30) | 6: Kesselmarkt vor 1944 | 7: Heilig-Kreuz-Straße , heute Ludwigstraße) vor 1944 | 8: Gänsbühl vor 1860 | 9: Jakoberstraße | 10: Hoher Weg 

Johann Martin Will stellte Augsburger Händler auf einem Ausschneidebogen dar, Quelle: Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Grafische Sammlung, G08711

Die öffentlichen Freiflächen wurden seit dem 14. Jahrhundert zunehmend durch Flusskiesel befestigt. Einen Eindruck der im Mittelalter entstandenen recht gestaltlosen Raumumgrenzungen verschafft der Vogelschauplan von Jörg Seld aus dem Jahr 1521. 

Wer war Jörg Seld? 

Diese Räume und Raumfolgen bildeten den Rahmen für politische Ereignisse wie Reichstage aber auch für Feste. Bei wichtigen Veranstaltungen wurden auch temporäre Festarchitekturen gebaut. Neben den Markthändlern nutzten fahrende „Tandler“ oder „Hucker“, Zeitungsverkäufer, Quacksalber, Wahrsager oder Schausteller die Plätze und zogen Schau- und Kauflustige an. Andere Gruppen suchte man aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben; trug ein Bettler etwa nicht das Zeichen des städtischen Almosenamtes, wurde er seit 1541 von den „Gassenknechten“ aus der Stadt gejagt. Denn in den Augen der Almosenherren seien diese „unordentlichen“ Armen

„wegen ihr importunität gantz verdrüeßlich..., ein ubelstand vor den frembden, daß vast alle gassen mit dergleichen betlern schaarweiß belegt sein, daß es manchen, seine geschäfft zuverrichten und etwas mit einem guten freund der notturfft zue reden hinderung bringt.“

Zitiert nach: Roeck, Als wollt die Welt schier brechen, 1991, S. 192

Im 16. Jahrhundert strebte die Stadtregierung durch die stetige Ergänzung der Bauordnung eine Regulierung des urbanen Raumgefüges in Augsburg an. Das 1600-jährige Stadtjubiläum bildete schließlich den Auftakt eines Umbaus, der eine „Stärkung“ der zentralen Plätze bewirkte. Ihre Raumwirkung wurde zunächst durch figurenreiche Brunnen bildnerisch gesteigert. Nach 1600 ließ die Stadt auch neue öffentliche Bauten durch ihren Stadtwerkmeister Elias Holl (1573-1646) realisieren.  Monumentale Fassaden gaben den Plätzen nun Fassung und Halt im Stadtgefüge.

 

„Die Türme werden points des vue, die Straßen werden Fluchten, die Plätze Ruhepunkte für das Auge.“

Schürer, Augsburg, 1934, S. 39

Ein Zusammenspiel von Skulptur und Fassade bestimmte somit den Zeugplatz, den Holzmarkt mit Tanzhaus und Merkurbrunnen, den Weinmarkt mit Siegelhaus und Herkulesbrunnen und vor allem den Eiermarkt, der mit dem Augustusbrunnen, dem Neuen Bau, dem Bäckerzunfthaus, dem aufgestockten Perlachturm und dem Rathaus völlig umgestaltet worden war. Das Tanzhaus wurde allerdings 1632 abgebrochen, wodurch der Wein-, Holz- und Brotmarkt zu einem einzigen Straßenplatz zusammengefasst wurden.

 

Diese Modifikation urbaner Räume war in der von Bürgern gelenkten Freien Reichsstadt nicht als ein am Reißbrett erdachter und per Federstrich angeordneter Eingriff möglich wie ihn Vincenzo Scamozzi (1548-1616) uns Santino Solari (1576-1646) im Auftrag des Bischofs Wolf Dietrich von Raitenau in Salzburg planten. Vielmehr erfolgte die architektonische Neugestaltung sukzessive und dort, wo die Kommune Grundstücke besaß bzw. erwerben konnte. Dennoch veränderte die vorsichtigere Strategie die Reichsstadt Augsburg mindestens so tiefgreifend wie das landesherrlich auftrumpfende Vorgehen die Residenzstadt Salzburg. Ein Vergleich des genannten Seld-Planes mit der 1626 entstandenen Vogelschauansicht Augsburgs von Wolfgang Kilian offenbart, wie geschickt ehemals amorphe Stadtbereiche durch Elias Holl und seine Mitstreiter definiert wurden.     

 

Einmal über das Augsburg um 1600 fliegen - geht fast mithilfe des Kilian-Planes. 

Oskar Schürer charakterisierte 1934 den Stadtbau Augsburgs um 1600:

 

„Soviel läßt sich in Umrissen aber wohl doch erkennen:  Die um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in Augsburg betriebene Um- und Ausgestaltung urbanistisch wichtiger Plätze in einer ikonologisch beziehungsreichen Systematik hat – zumindest im deutschen Bereich – zu jener Zeit kaum etwas Vergleichbares, sowohl in Umfang wie in künstlerischer und materieller Qualität – jedenfalls hat die Forschung bisher kein mit den Augsburger Unternehmungen konkurrierendes Konzept zutage fördern können. – Und wo sollte sie es auch suchen?“

Schürer, Augsburg, 1934, S. 52

Nach dem 30-jährigen Krieg wurde die stärke Reglementierung des öffentlichen Raumes weiter betrieben, um einen reibungslosen Straßenverkehr zu gewährleisten und die hygienischen Bedingungen zu verbessern. In den Freiraum hineinragende Elemente wie Erker oder Ladenvorbauten suchte die Kommune zu unterbinden. Die Flächen wurden einheitlich versiegelt wie in der Bauordnung (1740) nachzulesen ist: 

 

„Der Pflastermeister solle auf seine untergebene Leuthe wohl Achtung geben, daß selbige weder vor noch in Burgerlichen Häusern, Hof-Stätten, oder Reyhen kein neues Pflaster machen, es seye von rothen, oder Küsel-Steinen, und betrage wenig oder viel, ohne Wissen und Anzeig bey dem Geschworenen Amt.“

Bau-Ordnung, 1740, S. 30 

Sie wollen wissen, ob das wirklich so in der Bauordnung steht. Kein Problem - immer dem Zeigefinger nach...

Auf den Plätzen standen neben den Zierbrunnen auch Pump- und Röhrbrunnen sowie Überlaufbecken, in denen gewaschen werden konnte. Der Plan (nach 1743) von Matthäus Seutter zeigt die Grundrisse der Plätze gegenüber dem Kilian-Plan kaum verändert. Sehr wohl jedoch änderte sich deren Einfassung durch erneuerte Fassaden, die mit Stuck oder Außenfresken u.a. von Johann Georg Bergmüller (1688-1762) oder Johann Evangelist Holzer (1709-1740) geschmückt wurden. Die öffentlichen Räume erhielten dadurch erneut einen  'theatralischen' Charakter.

Erst im 19. Jahrhundert kam es wieder zu tiefgreifenden Veränderungen. In der Altstadt entstanden Neubauten wie die Börse am Eiermarkt (Ludwigsplatz), insbesondere aber wurden Gebäude abgebrochen. Durch die Beseitigung des Siegelhauses und des Salzstadels 1809 verloren Weinmarkt und Salzmarkt (Ulrichsplatz) ihren Charakter als Plätze zugunsten des Straßenprospektes der Maximilianstraße; vor dem Dom entstand anstelle des Friedhofes ein riesiger Exerzierplatz.

 

Nach Aufhebung der Festungseigenschaft fielen 1862/66 schließlich die Stadtmauern. Anstelle der Gräben wurde die Anlage eine Ringstraße begonnen, die Ravelins vor den Toren ließ der damalige Stadtbaurat Ludwig Leybold (1833-1891) abbrechen und dort Plätze anlegen: Bourges-Platz (Liebig-Platz), Kennedy-Platz (Am Alten Einlass), Königsplatz, Theodor-Heuss-Platz (Kaiserplatz), Schwibbogenplatz, Willy-Brandt-Platz (Vogeltorplatz), Jakobertorplatz, Grünfläche an der Müllerstraße. Auch in die Struktur der neu errichteten Quartiere streute Leybold Plätze ein, u.a. den Prinzregentenplatz und den besonders großzügigen Bahnhofs-platz. Die meisten dieser Freiräume nahmen den Verkehr auf, waren aber gleichzeitig mit Grünanlagen und Brunnen als Squares angelegt, wie etwa der Königsplatz.

 

Die Verkehrsräume wurden nun neu versiegelt: 1849 verlegte man auf den Fahrbahnen behauene Steine (Murnau, Jurakalk) und Kiesel; auf stärker befahrenen Flächen kam 1861 ein Bruchsteinpflaster zum Einsatz, ab 1866 jedoch fast nur noch Oberpfälzer Granit. Die Fugen goss man erstmals 1896 mit Asphaltpflasterkitt aus und überzog den fertigen Belag mit Quarzsand. Für die Fußwege in der Altstadt wählte das Stadtbauamt seit den 1880er Jahren Asphalt, während es in einigen Stadtteilen noch Kieselfußwege gab. Versuche, auch die Fahrbahnen mit Asphaltplatten zu belegen gab es erstmals 1884. Räume und Flächen wurden mit neuartigen Elementen und Strukturen besetzt: 1847 leuchteten nachts die ersten Gaslaternen der Firma Riedinger, 50 Jahre später waren es schon knapp 1.500; seit 1881 wurden die Schienen der Straßenbahn auch über die Plätze verlegt.

Wie war das mit der Gasbeleuchtung und wie sehen die Gaslaternen aus?

Mehr über die Straßenbahn erfahren Sie hier. 

Im 20. Jahrhundert erwies sich insbesondere die Entscheidung, die Märkte auf einem Areal an der Annastraße zu bündeln (1930) für die Nutzung der alten Plätze als folgenschwer. Obst-, Kessel- oder Salzmarkt wurden dadurch kaum mehr frequentiert. Durch Bombenschäden während des Zweiten Weltkriegs verloren die innerstädtischen Plätze zudem ihren historisch gewachsenen Rahmen.  Während des Wiederaufbaus wurde die räumliche Geschlossenheit einiger dieser Plätze zugunsten eines stärkeren PKW- und ÖPNV-Verkehrs aufgegeben, zu sehen etwa am Metzgplatz, der besonders stark an der ehemals platzartigen Ludwigstraße aber auch am Kennedy-Platz.  Vor dem Rathaus entstand als Folge eines Bürgerentscheides (1960) eine erheblich vergrößerte aber teilweise unzureichend gefasste Freifläche. Als neuartiger “Platz” in der „autogerechten Stadt“ wurde der Ernst-Reuter-Platz mit Parkhaus sowie Kino und ADAC-Zentrale angelegt.

 

Ein einheitlicher Bodenbelag der Plätze wurde aufgegeben. Die Freiräume sind heute ein Flickenteppich unterschiedlicher Gestaltungskonzepte – von der asphaltierten und beschilderten Sphäre des motorisierten Verkehrs bis zur möblierten Fußgängerzone. Wo der öffentliche Raum nicht zu kommerzialisieren ist, ist vielerorts eine Verwahrlosung zu konstatieren. Die Stadt sucht dem mit Neugestaltungen entgegen zu wirken.

QUELLEN UND LITERATUR

Matthias Arnold, Architektur des 19. Jahrhunderts in Augsburg, Zeichnungen vom Klassizismus bis zum Jugendstil, Ausstellungskatalog Augsburg (Goldener Saal des Rathauses), Augsburg 1979   |  Wolfgang Braunfels, Abendländische Stadtbaukunst, Herrschaftsform und Bau-gestalt, Köln 1976/1977  |  Astrid Debold-Kritter, Augsburg in frühen Fotografien 1860-1914 | Pia Maria Grüber (Hg.), „Kurweil viel ohn` Maß und Ziel“, Augsburger Patrizier und ihre Feste zwischen Mittelalter und Neuzeit, Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Zusammenarbeit mit den Städtischen Kunstsammlungen Augsburg und dem Institut für Europäische Kulturge-schichte der Universität Augsburg, 23. Januar bis 27. März, Augsburg, Zeughaus, Toskanische Säulenhalle, München 1994  |  Franz Häußler, Marktstadt Augsburg, Augsburg 1998  |  Julian Jachmann, Die Kunst des Augsburger Rates, 1588-1631, Kommunale Räume als Medium von Herrschaft und Erinnerung, München/Berlin 2008  |  Norbert Lieb, Augsburgs bauliche Entwicklung als Ausdruck städtischen Kultur-schicksals seit 1800, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, 58. Band (Wiederaufbau und Tradition), Augsburg 1951  |  Barbara Rajkay, Die Kunst des Machbaren, Die reichsstädtische Wasserwirtschaft, in: Christoph Emmendörffer und Christof Trepesch, Wasser Kunst Augsburg, Die Reichsstadt in ihrem Element, Begleitband zur Ausstellung im Maximilianmuseum, Regensburg 2018, S. 69-87  |  Doris Hascher, Fassadenmalerei in Augsburg vom 16. Bis zum 18. Jahrhundert, Augsburg 1996  |  Bernd Roeck, Als wollt die Welt schier brechen. Eine Stadt im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, München 1991  |  Oskar Schürer, Augsburg, 1934  |  Fritz Steinhäußer, Augsburg in kunstgeschichtlicher, baulicher und hygienischer Beziehung, Festschrift, den Teilnehmern an der 15. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten und Ingenieur-Vereine, Augsburg, 1902  |  Über und unter der Stadt, Augsburg in Schichten und Struk-turen, Augsburg 1999  |  Wandel Gestalten, 40 Jahre Stadterneuerung in Augsburg, Augsburg 2012  |  Jürgen Zimmer, Die Veränderungen im Augsburger Stadtbild zwischen 1530 und 1630, in: Welt im Umbruch, Augsburg zwischen Renaissance und Barock, Bd. III, Augsburg 1981

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